„Leute werden hinters Licht geführt“

Vorbemerkung:
Im Sub-Titel des Berichts steht geschrieben, „Kitas findet er überflüssig“. Diese Aussage wurde nie getroffen. Auch auf dieser Website findet sich nirgends eine dahingehende Äußerung. Vielmehr finden Sie wörtlich: Kinder gehören zu den Eltern: Es ist das Recht und die Pflicht der Eltern, für ihre Kinder zu sorgen“. Das heißt nicht, dass Kitas überflüssig sind. Im Gegenteil. Gerade Alleinerziehende sind darauf angewiesen, für ihre Kinder schon sehr früh eine Betreuung in Anspruch nehmen zu können, um einer für den Lebensunterhalt notwendigen Beschäftigung nachzugehen. Das widerspricht nicht meiner Auffassung, dass Kinder zu den Eltern gehören. Vielmehr sind Voraussetzungen zu schaffen, um eine Fremdbetreuung auf ein Minimum zu reduzieren oder gar überflüssig zu machen.

Ob die Darstellung, ich hielte Kitas für überflüssig, ein Missverständnis oder eine vorsätzliche Fehlinterpretation zum Schaden meiner Person war, überlasse ich dem geneigten Leser zu beurteilen. Ich habe den Chefredakteur der NWZ, Helge Thiele, am 06.02.2021 gebeten, dies sowohl in der Print- als auch in der Onlineausgabe richtigzustellen.


Wahl Hans-Jürgen Goßner aus Ebersbach ist Anhänger von Parteichef Jörg Meuthen und will für die AfD in den Landtag. Das Coronavirus hält er für gefährlich, den Klimawandel nicht, Kitas findet er überflüssig. Von Dirk Hülser

Wer zufällig auf die Facebook-Seite von Hans-Jürgen Goßner stößt, sieht sofort: Hier spricht die AfD. Am Sonntag postete der Landtagskandidat ein Foto von Angela Merkel hinter mit einem Schloss gesicherten Holzlatten und forderte: „Lockdown für die Regierung.“ Gestern dann Empörung über einen jungen Asylbewerber, der angeblich in seinem Audi A5 auf der Autobahn geblitzt wurde. Hinweise auf Deutsche, die geblitzt wurden, finden sich nirgends.

Abseits von Facebook gibt sich Goßner im Gespräch bürgerlich, keine Rede von Merkel im Gefängnis oder Flüchtlingen, die in Saus und Braus leben. Mit Blick auf den fast nie im Landkreis aufgetauchten Abgeordneten Heinrich Fiechtner, der 2016 gewählt und die AfD längst verlassen hat, erklärt der Kandidat: „Mir liegt daran,  dass der Wahlkreis Göppingen wieder von einem Abgeordneten vertreten wird.“ Einwurf: Es gibt doch Abgeordnete, von den Grünen, der SPD. „Ja, aber jeder tendiert in eine andere Richtung. Und dass ich etwas anderes vertrete als Herr Hofelich, dürfte auf der Hand liegen.“

„Jemand, der sich hier integriert – man kann auch assimiliert sagen –, der ist einer von uns.“

Das würde wohl auch SPD-Mann Peter Hofelich unterschreiben. Sollte er denn gewählt werden, will sich der 50-Jährige stellvertretende AfD-Kreisvorsitzende erst einmal zurechtfinden an seinem neuen Arbeitsplatz. Auch in seiner dann neu gebildeten Fraktion. „Da muss ich schauen: Was sind das für Leute?“ Seine Prioritäten benennt er aber jetzt schon: Gesundheits- und Sozialthemen. Wenn möglich, würde Goßner auch entsprechende Ausschusssitze anstreben.

Doch dazu muss er am 14. März erst einmal gewählt werden. Klappt das? Goßner lacht. „Hmm, das weiß ich nicht. Ich schätze die Chancen mal so ein, dass es eher reicht, als dass es nicht reicht.“ Siegessicherer klang er am 24. Januar, da stellte er sich den Parteimitgliedern in einem Live-Video auf Facebook vor – und wollte AfD-Spitzenkandidat im Land für die Wahl werden. „Ich gehe davon aus, dass ich tatsächlich das Mandat erlangen kann“, sagte Goßner. Für die Spitzenkandidatur reichte es jedenfalls nicht, 22,2 Prozent der Mitglieder votierten für Goßner in einem der ersten Wahlgänge.

„An die große Weltverschwörung glaube ich nicht, ich kritisiere nur manche Maßnahmen.“

Im Moment wird der politische Diskurs komplett von der Corona-Pandemie bestimmt, auch Goßner hat dazu eine dezidierte Meinung. Es sei zwar in erster Linie ein Bundesthema, doch hätten die Länder und Kommunen einen gewissen Spielraum. „Ich würde die Maßnahmen mehr auf ihre Sinnhaftigkeit hinterfragen“,  sagt der Kandidat. „Ich wünsche mir mehr Schutz für Risikogruppen“, sagt Goßner und betont: „Ich habe mit Querdenkern nichts zu tun.“ Er habe aber schon mit Leuten aus der Szene gesprochen, „das sind nicht alles Spinner“. Er stellt klar: „Natürlich gibt es Corona. An die große Weltverschwörung glaube ich nicht, ich weiß auch nicht, was Bill Gates mit Corona zu tun haben soll.“ Das Virus sei mit Sicherheit hochansteckend: „Ich kritisiere nur manche Maßnahmen.“

Goßner fragt: „Warum darf ich nach 20 Uhr nicht auf die Straße? Warum darf das Enkelkind Oma und Opa besuchen, aber nicht umgekehrt?“ Er könne verstehen, dass die Politik im Nebel stochere und alles Mögliche versuche. „Aber man versucht gar nicht, die Menschen mitzunehmen, es gibt nur noch Verordnungen.“

Das zweite große Politik-Thema auf allen Ebenen und alle Lebensbereiche betreffend ist der Klimawandel. Hier ist Goßner skeptisch: „Klimawandel hat es schon immer gegeben.“ Auf seiner Homepage spricht er von einem „Frontalangriff auf unsere Automobilindustrie“. Der Individualverkehr habe einen „verschwindend kleinen Anteil“ am Kohlendioxid-Ausstoß: „Die Leute werden hinters Licht geführt“, ist er sich sicher. „Ich bin vom Ursprung her Elektrotechniker, ich kann das einfach rechnen.“

So habe auch die E-Mobilität keine Zukunft. Zwar sei ein Elektromotor effizienter als ein Verbrenner. „Aber unser Stromnetz in Europa ist einfach nicht in der Lage, diesen Energiebedarf zu transportieren. Das ist jetzt nicht möglich und auch nicht bis 2030.“ Goßner glaubt: „Wir müssen einen anderen Weg gehen, den Weg des intelligenten Stromverbrauchs.“ Als Beispiel nennt er die vermehrte Nutzung von LED-Lampen. „Meine Heizung und meine Beleuchtung versuche ich zu regulieren, ich habe einen Stromverbrauch, der unter dem Durchschnitt liegt.“

Nachdem es jahrelang Streit und Querelen im Kreisverband der AfD gegeben hatte, setzte sich Goßner im Juli 2020 in einer Kampfabstimmung gegen den damaligen Kreisvorsitzenden Simon Dennenmoser durch und eroberte die Landtagskandidatur. Den Mitgliedern präsentierte sich Goßner als Bewahrer konservativer Werte: „Kinder gehören zu ihren Eltern, nicht in die Kita“, forderte er genauso wie: „Wir brauchen mehr Polizei“.

Dabei ist der 50-Jährige schon lange politisch aktiv. Die Initialzündung habe sich in der Nacht zum 1. November 1998 zugetragen. Eine Geschichte, die sich so niemand ausdenken könnte: Vor einer Diskothek sei er von einem Flüchtling aus dem Kosovo mit einem Messer ins Bein gestochen worden. Er habe sich daraufhin an den damaligen Bundesvorsitzenden der „Republikaner“, den Rechtsanwalt Rolf Schlierer, gewandt. Der habe ihn dann im Prozess als Nebenkläger vertreten – und Goßner trat in die Partei ein, kandidierte auch als Ersatzbewerber bei der Landtagswahl 2001.

Ausgetreten sei er dann wegen der zunehmenden Nähe der „Republikaner“ zur NPD. „Irgendwo ist Schluss, mit dem unappetitlichen Verein will ich nichts zu tun haben“, sagt Goßner. „Bis 2016 habe ich dann gar nichts mehr gemacht, da war nie was für mich dabei.“ Bis er in die AfD eintrat. Dass seiner Partei nun die Beobachtung durch den Verfassungsschutz droht, hält Goßner „zu einem erheblichen Teil“ für politisch motiviert.

Den Kurs von Jörg Meuthen unterstützt Goßner, distanziert sich vom mittlerweile aufgelösten „Flügel“. So kann er auch die  erst vor wenigen Tagen vom Bundesvorstand der Partei veröffentlichte „Erklärung zum deutschen Staatsvolk und zur deutschen Identität“ unterschreiben. „Wer einen deutschen Pass hat, war schon immer Deutscher“, betont Goßner. Da sei es irrelevant, welche Wurzeln jemand habe. Wenn er sich denn anpasse: „Jemand, der aus einem anderen Land kommt und sich hier integriert – man kann auch assimiliert sagen –, der ist einer von uns.“ Noch deutlicher wird Goßner auf seiner Homepage, Einwanderer müssten ihre Kulturgüter aufgeben, fordert er: „Der Integrationswille, an dessen Ende die Assimilation stehen muss, ist eine unverhandelbare Bringschuld.“

Quelle: NWZ vom 03.02.2021

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